Das Märchen von den Denk-Zwillingen
von Klaus Adolf Kreuzer
Felix und das Geheimnis des GOT
Es war am Abend vor Felix’s Geburtstag. Draußen war es schon dunkel geworden, nur über den Dächern hielt sich noch ein schmaler Streifen Licht, als hätte der Tag vergessen, ganz zu verschwinden.
Felix saß mit seinem Großvater in der kleinen Stube am Fenster. Er mochte diese Abende. Sein Großvater erzählte anders als andere Erwachsene. Bei ihm wusste Felix nie genau, ob das, was er hörte, nur eine Geschichte war oder ob sich darin etwas verbarg, das schon lange vor ihnen da gewesen war.
Auf dem Tisch brannte eine kleine Lampe. Felix sah eine Weile in ihr Licht, dann fragte er:
„Opa, du hast gestern wieder dieses Wort gesagt.“
„Welches?“
„GOT. Aber du sagst immer das GOT. Warum sagst du nicht der Gott?“
Der Großvater schwieg einen Augenblick und schob seine Tasse zur Seite.
„Weil ich damit nicht dasselbe meine.“
Felix rückte näher. Das kannte er. Wenn sein Großvater so antwortete, kam meist etwas, worüber man länger nachdenken musste.
„Was meinst du dann?“
Der Großvater blickte hinaus in die beginnende Nacht.
„Das Wort GOT wurde den Alten, unseren Vorvorderen, übergeben. Sie haben es bewahrt. Für sie war GOT nicht einfach eine Gestalt, die irgendwo weit über den Wolken sitzt und auf die Erde herabschaut. Sie verstanden darunter etwas, das überall wirken konnte.“
Felix zog die Stirn kraus.
„Das verstehe ich nicht.“
„Dann erkläre ich es anders.“
Der Großvater nahm zwei kleine Holzstücke vom Fensterbrett und legte sie auf den Tisch.
„Stell dir vor, du wachst morgen früh auf und plötzlich kommt dir der Gedanke: Ich baue mir hinten im Garten eine Hütte.“
Felix grinste.
„Das könnte wirklich passieren.“
„Eben. Vorher war die Hütte nicht da, nicht einmal in deinem Kopf. Und plötzlich ist der Gedanke da. Ein Funke. Etwas wird angeregt und will beginnen. Diesen ersten Impuls nannten unsere Vorvorderen Erregungsdenken.“
Felix sprach das Wort langsam nach.
„Erregungsdenken.“
„Ja. Aber nun steht deine Hütte noch lange nicht im Garten.“
„Dann brauche ich Holz.“
„Und du musst überlegen, wo sie stehen soll, wie groß sie wird, was zuerst gebaut werden muss und wie alles zusammenpasst.“
Der Großvater nahm die beiden Holzstücke und fügte sie aneinander.
„Der erste Gedanke bekommt eine Gestalt. Das nannten die Vorvorderen Gestaltungsdenken.“
Felix betrachtete die Hölzer.
„Dann ist das eine der Anfang und das andere macht etwas daraus.“
„So kannst du es verstehen.“
„Und das ist GOT?“
„Beides gehört zum GOT.“
Felix sah ihn überrascht an.
„Dann sind es zwei?“
„Zwei und doch nicht getrennt.“
„Aber zwei sind doch zwei.“
Der Großvater lachte.
„Das stimmt. Aber ohne den ersten Gedanken würde deine Hütte niemals beginnen. Und ohne Gestaltung bliebe sie nur ein Gedanke. Erst wenn beide miteinander wirken, kann etwas entstehen. Deshalb sahen die Vorvorderen im GOT zwei Kräfte, die zusammengehören: Erregungsdenken und Gestaltungsdenken. Die Denk-Zwillinge.“
Felix gefiel dieses Wort.
„Denk-Zwillinge.“
Inzwischen waren draußen die ersten Sterne sichtbar geworden. Felix schaute hinauf und fragte nach einer Weile:
„Streiten die auch manchmal?“
Der Großvater hob leicht die Augenbrauen.
„Warum fragst du das?“
„Zwillinge streiten doch auch.“
Diesmal antwortete der Großvater nicht sofort.
„Vielleicht hast du gerade eine wichtigere Frage gestellt, als du selbst weißt. Was geschieht wohl, wenn die beiden nicht mehr miteinander wirken?“
Felix wartete auf die Antwort, doch sein Großvater schwieg.
„Na? Was geschieht dann?“
„Manches kann ich dir erzählen“, sagte der Großvater. „Anderes musst du selbst erfahren.“
Felix verzog das Gesicht.
„Immer sagst du das.“
„Vielleicht, weil niemand für einen anderen erfahren kann.“
Wieder schauten beide hinaus zu den Sternen. Dann kam Felix eine neue Frage.
„Wenn die beiden zusammen etwas entstehen lassen, was hält es dann?“
Der Großvater sah ihn lange an.
„Auch das ist eine alte Frage.“
„Kennst du die Antwort?“
„Ich kenne ein Zeichen.“
Felix wurde sofort aufmerksam.
„Was für ein Zeichen?“
Doch der Großvater stand auf und legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Für heute ist es genug.“
„Opa! Morgen habe ich Geburtstag.“
„Gerade deshalb.“
Mehr sagte er nicht, nur noch:
„Es gibt Dinge, Felix, die werden nicht verstanden, wenn man sie zu früh erklärt.“
In dieser Nacht konnte Felix lange nicht einschlafen. Immer wieder gingen ihm die Worte des Großvaters durch den Kopf: Erregungsdenken. Gestaltungsdenken. Zwei und doch eins. Die Denk-Zwillinge.
Und da war die Frage, auf die er keine Antwort bekommen hatte: Was geschieht, wenn beide nicht mehr miteinander wirken?
Durch das Fenster fiel ein schmaler Streifen Mondlicht. Sein Großvater hatte ihm einmal erzählt, dass die Nacht vor einem Geburtstag eine besondere Schwelle sein könne. Ein Jahr war fast vergangen, das neue aber noch nicht ganz begonnen.
„Ein kleiner Zwischenraum“, hatte er diese Nacht genannt.
Felix wusste nicht, ob das stimmte. Doch diesmal fühlte sich sein Zimmer tatsächlich anders an. Stiller und zugleich weiter, als hätte die Dunkelheit mehr Raum bekommen.
Er schloss die Augen und hörte eine Weile nur seinen Atem. Irgendwann wusste er nicht mehr, ob er bereits schlief.
Vor ihm erschien ein schmaler Lichtspalt. Zuerst glaubte Felix, seine Zimmertür sei aufgegangen. Doch der Spalt befand sich nicht an der Tür. Er stand einfach mitten in der Dunkelheit und wurde langsam breiter.
Felix wollte die Augen öffnen und bemerkte dabei etwas Merkwürdiges: Es fühlte sich an, als seien sie längst offen, nur dass er nicht mit ihnen sah.
Hinter dem Lichtspalt lag ein Raum, wie Felix ihn noch nie erlebt oder gesehen hatte. Es gab weder Wände noch Boden und auch keine Decke, trotzdem fiel er nicht. Um ihn herum bewegten sich feine Linien und Schimmer wie leichter Nebel. Manche kamen näher, andere verschwanden wieder. Alles schien miteinander verbunden, wie ein Netz, obwohl Felix nicht erkennen konnte, wodurch.
Da erinnerte er sich an ein anderes Wort, das der Großvater manchmal gebraucht hatte.
Äther.
Felix wusste nicht, ob dies wirklich der Äther war. Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, flammte vor ihm ein Funke auf. Aus einem wurden viele, und aus den Funken entstand eine Gestalt, die ihre Form unaufhörlich wechselte. Sie war Bewegung, Aufblitzen, Drängen. Noch ehe Felix einen Gedanken zu Ende denken konnte, erschien schon der nächste. Wälder, Türme, Tiere, Sterne, Wege und Farben tauchten auf und verschwanden wieder.
„Wer bist du?“, fragte Felix.
Die Gestalt bewegte keinen Mund. Trotzdem war die Antwort plötzlich in ihm:
„Ich beginne.“
Felix wusste sofort, wen er vor sich hatte.
„Erregungsdenken.“
Die Gestalt schoss an ihm vorbei, und Felix folgte ihr. Überall öffneten sich neue Wege. Einer führte zu einem Berg, ein anderer zum Meer, ein dritter zu einer Stadt aus Licht. Noch bevor Felix sich für einen Weg entscheiden konnte, entstanden weitere.
Zuerst gefiel ihm das. Alles war neu, alles lockte, alles wollte zugleich beginnen. Felix rannte mit. Er wollte einen Turm bauen, dann ein Schiff, anschließend fliegen, unter die Erde gehen und danach zu den Sternen.
Doch plötzlich blieb er stehen.
Um ihn herum lagen überall Anfänge. Der Turm bestand nur aus einem ersten Stein. Vom Schiff gab es einen Mast, aber keinen Rumpf. Der Weg zum Berg endete nach wenigen Schritten. Nichts war fertig geworden.
„Mach doch einmal etwas zu Ende!“, rief Felix.
Das Erregungsdenken flammte vor ihm auf.
„Ich beginne.“
„Ja, aber was kommt danach?“
Statt einer Antwort erschienen neue Funken, neue Wege, neue Möglichkeiten. Was Felix eben noch wunderbar gefunden hatte, wurde nun laut und unruhig. Er konnte keinen Gedanken mehr festhalten.
Da rief er:
„Gestaltungsdenken!“
Im selben Augenblick erstarrte alles.
Vor Felix erschien eine zweite Gestalt, vollkommen anders als die erste. Sie war still und klar, wie ein Kristall. Feine Linien durchzogen sie, und jede Linie schien genau zu wissen, wo sie hingehörte.
Die Gestalt hob ihre Hand. Sofort ordneten sich die herumliegenden Anfänge. Der Turm bekam Wände, das Schiff einen Rumpf, die Wege wurden gerade, und die einzelnen Steine fügten sich an ihren vorgesehenen Platz.
Felix atmete auf.
„Du kannst alles fertig machen.“
Die Antwort kam ruhig:
„Ich gestalte.“
Felix sah begeistert zu, wie Ordnung entstand. Nichts lag mehr ungeklärt herum, alles bekam Grenzen und einen festen Platz.
Doch nach einer Weile bemerkte er, dass auch hier etwas nicht stimmte.
Es entstand nichts Neues mehr.
Der Turm war fertig und blieb unverändert. Das Schiff lag vollkommen gebaut da, doch kein Wind bewegte seine Segel. Die Wege waren gerade, aber niemand ging auf ihnen. Selbst die Bäume standen in vollkommenen Reihen, ohne dass sich ein einziges Blatt bewegte.
Felix berührte einen der Bäume.
Er war schön.
Aber er wirkte leblos.
„Warum bewegt sich hier nichts?“
Das Gestaltungsdenken antwortete:
„Die Form ist vollendet.“
„Aber es lebt nicht.“
Darauf bekam Felix keine Antwort.
Je länger er durch diese vollkommene Ordnung ging, desto bedrückender wurde die Stille. Es war nicht jene wohltuende Stille, die er vom Großvater kannte. Hier war es eine Stille, in der nichts mehr geschehen konnte.
Felix bekam Angst.
„Erregungsdenken!“
In der Ferne erschien wieder ein Funke. Gleichzeitig begann der Kristall stärker zu leuchten. Nun standen sich beide Denk-Zwillinge gegenüber. Der Funke drängte nach Bewegung, der Kristall hielt an der Form fest.
Der Raum zwischen ihnen begann zu zittern.
Neue Bilder schossen hervor und zerbrachen an festen Formen. Formen entstanden und wurden gleich darauf von neuen Impulsen aufgerissen. Der Äther um Felix begann zu beben.
„Hört auf!“, rief er.
Doch die Denk-Zwillinge hörten ihn nicht. Vielleicht konnten sie ihn in diesem Augenblick auch gar nicht hören.
Da erinnerte sich Felix an die Frage seines Großvaters:
Was geschieht, wenn die beiden nicht mehr miteinander wirken?
Nun wusste er es.
Erregung ohne Gestaltung verlor sich in immer neuen Anfängen. Gestaltung ohne Erregung erstarrte in fertigen Formen.
Felix stand zwischen beiden und bekam plötzlich Angst, dass nicht nur ihre Werke, sondern der ganze Raum auseinanderbrechen könnte.
Da kam ihm seine eigene Frage wieder in den Sinn:
Was hält das Entstehende?
Der Großvater hatte geantwortet: „Ich kenne ein Zeichen.“
Felix kannte dieses Zeichen nicht. Er hatte keine Erklärung und wusste nicht, was er tun sollte.
Für einen einzigen Augenblick wurde es vollkommen still.
Auch die Denk-Zwillinge hielten inne.
Aus dieser Stille erschien etwas.
Kein Wesen trat hervor. Keine Stimme sprach. Es erschien nur ein Zeichen.
Felix konnte nicht sagen, woher er es kannte. Vielleicht hatte er es irgendwann beim Großvater gesehen. Vielleicht war es ihm längst begegnet, ohne dass er darauf geachtet hatte.
HAGAL.
Als Felix das Zeichen wahrnahm, veränderte sich der Raum.
Nichts wurde gezwungen. Keine der beiden Denkkräfte wurde besiegt oder zurückgedrängt. Stattdessen legte sich etwas um das Geschehen, wie schützende Hände um etwas Verletzliches, wie ein Dach über ein junges Nest, wie Erde um einen Keim.
Felix spürte eine Ruhe, die vollkommen anders war als die starre Ruhe des Gestaltungsdenkens. Diese Ruhe war lebendig. Sie hielt, ohne festzuhalten. Sie schützte, ohne abzuschließen. Sie gab Raum.
Das Erregungsdenken flammte noch immer, doch seine Funken jagten nicht mehr ziellos auseinander. Das Gestaltungsdenken ordnete weiterhin, doch seine Formen wurden nicht mehr starr. Zwischen beiden entstand eine neue Bewegung.
Ein Funke erschien. Das Gestaltungsdenken nahm ihn auf und gab ihm Form. Ein neuer Impuls kam hinzu, und die Form veränderte sich.
Vor Felix begann ein Baum zu wachsen.
Nicht plötzlich und nicht fertig. Zuerst war da der Impuls, dann ein Keim, dann eine erste Form und daraus weiteres Wachstum. Um alles lag jenes unsichtbare Hegen und Schützen.
Felix begriff, ohne dass ihm jemand etwas erklären musste:
Was entstehen will, braucht Bewegung. Was Gestalt annehmen will, braucht Ordnung. Und was wachsen soll, braucht einen Raum, in dem es gehegt, gepflegt und geschützt werden kann.
Er sah zu HAGAL.
Das Zeichen verlangte nichts. Es erklärte sich nicht.
Es wirkte.
Die Denk-Zwillinge standen nun wieder miteinander im Raum: Funke und Kristall, Bewegung und Form, Erregungsdenken und Gestaltungsdenken. Zwei Kräfte, die verschieden waren und doch zusammengehörten.
Da hörte Felix etwas. Es war weder die Stimme des Großvaters noch die Stimme eines der Zwillinge. Die Worte schienen aus dem Äther selbst zu kommen:
„Das Wort GOT wurde den Vorvorderen übergeben.“
Felix lauschte.
„Sie erkannten, dass das eine nicht ohne das andere wirken kann.“
Über ihm öffnete sich nun das gewaltige Himmelsgewölbe. Darin erschienen große Fenster aus Licht. Sie standen nicht wie gewöhnliche Fenster in einer Wand. Sie waren Öffnungen im unermesslichen Raum, und durch sie strömte etwas, das Felix nicht als gewöhnliches Licht empfand.
Es war, als würde durch diese Fenster das Ur-Denken selbst in die entstehenden Welten blicken.
Felix sah Sterne entstehen, Welten aufleuchten, Pflanzen wachsen und Formen hervortreten. Überall wirkten die Denk-Zwillinge miteinander. Und überall dort, wo etwas wachsen und bestehen konnte, erkannte Felix etwas von dem hegenden und schützenden Raum wieder, den er durch HAGAL erfahren hatte.
Während er noch staunte, bemerkte er, dass einige der weit entfernten Fenster schwächer wurden.
Ihr Licht erlosch nicht plötzlich. Es zog sich langsam zurück, als würde etwas müde und still werden.
Felix erschrak.
„Gehen die Fenster zu?“
Die Antwort kam wieder aus dem Äther:
„Wenn eine Welt ihre Zeit erfüllt hat, zieht sich das Ur-Denken zurück. Was geworden ist, kehrt in die Ruhe zurück. Doch GOT endet nicht.“
Felix schaute zu einem der dunkel werdenden Fenster.
Dort blieb keine leere Stelle zurück. Etwas schien darin zu ruhen, verborgen und still, als wartete es darauf, irgendwann wieder geweckt zu werden.
Da verstand Felix, dass auch Ruhe zum Werden gehören konnte.
Dunkelheit bedeutete nicht, dass GOT verschwunden war. Die Denk-Zwillinge waren nicht fort, nur weil ihr Wirken nicht sichtbar war. Erregungsdenken konnte verstummen, Gestaltungsdenken seine Form zurücknehmen, und dennoch konnte daraus wieder ein Anfang hervorgehen.
Einige Fenster im Himmelsgewölbe leuchteten hell, andere nur noch schwach, wieder andere lagen dunkel und still.
Felix betrachtete sie lange.
Zum ersten Mal machte ihm ihre Dunkelheit keine Angst.
Vielleicht, dachte er, war ein geschlossenes Fenster gar kein Ende.
Vielleicht war es nur eine Ruhe zwischen zwei Welten.
Nun begriff er auch etwas anderes: Die Denk-Zwillinge wirkten nicht nur in ihm. Sie waren größer als er. Doch auch in seinem eigenen Denken konnte er ihre Spuren erkennen. Wenn plötzlich ein Gedanke in ihm aufleuchtete, war darin etwas vom Erregungsdenken. Wenn er diesem Gedanken Gestalt gab, wirkte das Gestaltungsdenken. Und wenn er etwas nicht gleich verbrauchte, zerstörte oder fallen ließ, sondern ihm Zeit, Raum und Schutz gab, berührte er etwas von HAGAL.
Langsam wurden die Fenster des Lichts schmaler.
Felix wollte sie zuerst festhalten, doch dann ließ er die Hände sinken.
Er wusste nun, dass etwas nicht verschwunden sein musste, nur weil er es nicht mehr sah.
Der Äther wurde dunkler. Das Erregungsdenken löste sich in Funken auf, das Gestaltungsdenken wurde durchsichtig.
HAGAL blieb am längsten.
Dann verschwand auch das Zeichen.
Felix erwachte im ersten Morgenlicht.
Für einen Augenblick wusste er nicht, wo er war. Dann hörte er Schritte vor seiner Zimmertür.
Sein Großvater kam herein.
„Alles Gute zum Geburtstag.“
Felix setzte sich auf. Er war ungewöhnlich still.
Der Großvater bemerkte es. „Du schaust, als hättest du in der Nacht viel erlebt.“
Felix musterte ihn.
„Opa, welches Zeichen wolltest du mir gestern nicht erklären?“
Der Großvater blieb stehen.
„Warum fragst du?“
Felix zeichnete mit dem Finger das Zeichen auf seine Bettdecke.
Der Großvater setzte sich langsam zu ihm.
„Wo hast du das gesehen?“
Nun erzählte Felix von der Nacht: vom Lichtspalt, vom Äther, von den tausend Anfängen des Erregungsdenkens und von der vollkommenen Welt des Gestaltungsdenkens, in der nichts mehr lebendig werden konnte. Er erzählte vom Streit der beiden Kräfte, von dem Zeichen, das erschienen war, und schließlich von den großen Fenstern im Himmelsgewölbe.
Der Großvater unterbrach ihn kein einziges Mal.
Als Felix geendet hatte, fragte er:
„War das HAGAL?“
Der Großvater nickte.
„Ja.“
„Warum hast du mir das gestern nicht gesagt?“
„Weil du dann vielleicht nur nach dem gesucht hättest, was ich dir vorher erklärt hatte.“
Felix dachte darüber nach.
„HAGAL hat die beiden nicht besiegt“, sagte er schließlich.
„Nein.“
„Es hat sie auch nicht festgehalten.“
„Nein.“
Felix suchte nach den richtigen Worten.
„Es war mehr wie ein Raum. Etwas, das aufpasst. Aber nicht so, dass nichts mehr geschehen darf. Es war eher so, dass etwas darin wachsen konnte.“
Der Großvater sah ihn aufmerksam an.
„Hegend?“
Felix nickte.
„Ja.“
„Pflegend?“
„Auch.“
„Schützend?“
Jetzt lächelte Felix.
„Genau.“
Der Großvater ging zum Fenster. Draußen lag der Garten im ersten Licht des Morgens.
„Dann brauchst du von mir darüber keine lange Erklärung mehr.“
Felix sprang aus dem Bett, hielt aber noch einmal inne.
„Eine Frage habe ich.“
„Natürlich.“
„War das alles nur ein Traum?“
Der Großvater sah ihn an.
„Was meinst du selbst?“
Felix wollte sofort antworten. Doch dann dachte er an den Funken, an den Kristall, an HAGAL und an die Fenster des Lichts.
Schließlich sagte er:
„Ich weiß es nicht.“
Der Großvater nickte.
„Dann lass die Antwort offen.“
Felix trat neben ihn ans Fenster.
In diesem Augenblick ging die Sonne auf, und zwischen zwei Wolken brach ein breiter Strahl hervor. Für einen kurzen Moment sah es für Felix aus, als hätte sich im Himmel wieder eines jener Fenster geöffnet.
Er sagte nichts.
Sein Großvater hätte ihm das alte Wort GOT erklären können. Er hätte ihm von Erregungsdenken und Gestaltungsdenken erzählen können. Doch was diese Kräfte bedeuteten, hatte Felix erst verstanden, als er ihnen selbst begegnet war.
Später, wenn ihm ein neuer Gedanke kam und er schon losstürmen wollte, erinnerte er sich manchmal an jene Nacht. Dann hielt er für einen Augenblick inne. Nicht um den Funken zu löschen, sondern um ihm Zeit zu geben, Gestalt anzunehmen.
Und wenn etwas Neues unter seinen Händen entstand, dachte Felix daran, dass zwischen dem ersten Aufleuchten und der fertigen Form noch etwas anderes wirken musste: ein Raum, in dem das Werdende nicht gedrängt und nicht erstickt wurde.
Ein Raum, der hegte.
Der pflegte.
Und der schützte.
HAGAL.
So blieb das Geheimnis, das den Vorvorderen mit dem Wort GOT übergeben worden war, für Felix keine Erzählung des Großvaters mehr.
Es war zu einer eigenen Erfahrung geworden.
Und wenn er in klaren Nächten lange genug zum Himmel blickte, fragte er sich manchmal, welche der fernen Lichter gerade ein offenes Fenster war und welche nur still ruhten, bis ihre Zeit für einen neuen Anfang gekommen war.